Ein großherziges Geschenk für die Visbeker Bevölkerung

Text und Bild: Dieter-Felix Grzabka 


Kreuzweg
Im Atelier Lettow`s in Bremen; v. lks.: Julia van Wilpe, Franz-Josef Debbeler,Manfred Gelhaus und Gertrud Grzabka

„Der Kreuzweg in Visbek stellt für viele einen Ort des persönlichen und gemeinschaftlichen Gebetes dar. An jedem Karfreitag geht die katholische Kirchengemeinde betend und singend den großen Kreuzweg, …“ So schreibt die Gemeinde Visbek auf ihrer Website unter dem Link „Tourismus & Freizeit - Sehenswertes“.

Dieser Kreuzweg wurde 1856 mit Stationsbildern aus Sandstein erbaut und am 25.09.1856 eingeweiht; somit zählt er im nächsten Jahr seit bereits 160 Jahren zu den wichtigsten Visbeker Kulturgütern. Die Stationsbilder, mehrfach mutwillig beschädigt oder gar zertrümmert und nach 80 Jahren teilweise stark verwittert, wurden 1936 im Rahmen einer völligen Neuanlage des Kreuzweges durch neue Bilder in Kupfer ersetzt. Jedes Bild wurde nun in einen aus festen Klinkersteinen gemauerten Sockel eingefügt, den Visbeker Maurermeister errichteten. So erhielt der Kreuzweg seine noch heute vorzufindende Ausgestaltung. Allerdings wurden die wertvollen kupfernen Bildplatten bereits 1951 von Dieben herausgebrochen und entwendet, so dass die katholische Kirchengemeinde erneut tätig werden musste. Zu Karfreitag 1955 wurden die Stationsbilder in ihrer jetzigen Darstellung fertiggestellt. Fragt man in Visbek nach dem Namen des Künstlers, der diese Stationsbilder geschaffen hat, so zucken die meisten Besucher und Pilger auf dem Kreuzweg mit den Schultern. Seinen Namen sucht man – bisher – auch vergeblich auf dem Kreuzweg selbst.

er Bildhauer Kurt Lettow, 1908 in Bremen geboren, dort auch 1992 verstorben und auf dem Oberneulander Friedhof beigesetzt, gehört zu den „bekanntesten vergessenen“ Künstlern unserer Region. Er schuf den „Großen Kreuzweg“, wie er in Visbek genannt wird, mit 13 Kreuzwegstationen zu je 0,48 m x 0,58 m und einer Kreuzigungsgruppe, bestehend aus zwei Relieffiguren 1,70 m groß, und einem Reliefkreuz, 2,50 m groß, aus Keramik, Klinkerbrand. Begeht man heute den „Kreuzweg im Wald“, so fällt dem Betrachter der Stationen auf, dass nicht nur der Zahn der Zeit , sondern offensichtlich auch manch neugierig kratzender Finger den Reliefs z. T. stark zugesetzt hat, so dass eine erforderliche Instandsetzung resp. Nachgestaltung absehbar werden.

Kurt Lettow müsste eigentlich jedem Schüler des Gymnasium Antonianum in Vechta ein Begriff sein. Er schuf 1950 die dort aufgestellte Holzplastik „Der Heilige Antonius“, aus Eiche geschnitzt, überlebensgroß. Andere Werke des Künstlers trifft man im gesamten norddeutschen Raum, von den Ostfriesischen Inseln bis ins Ruhrgebiet, von Emden bis Hamburg und Hildesheim; so auch in unserer Nähe u. a. in Bethen (Jugendburg St. Michael; Wallfahrtsbasilika), Beverbruch (St. Josef), Oldenburg, Vechta (Antonianum und Marienhain), Wildeshausen (kathol. Grundschule), Delmenhorst (u. a. St. Marien; jüdischer Friedhof) und besonders vielfältig in Bremen.

Kurt Lettows einzige Tochter, Julia van Wilpe, seit 1964 wohnhaft in Costa Rica und dort Architektin und Professorin mit Lehrstuhl für Tropenbau an der Universidad Autonoma de Centroamerica(UACA) , wurde 2010 durch ein Gemeindemitglied der kathol. St.-Nikolaus-Kirche in Bremerhaven Wulsdorf davon unterrichtet, dass diese Kirche profaniert und abgerissen werden sollte. Mit ihr sollte auch das Relief an der Altarwand dieser Kirche „Christus stillt den Sturm“ in einer Größe von 5,00 m x 6,00 m, entworfen und angefertigt von ihrem Vater Kurt Lettow, im Schutt versinken. Julia van Wilpe kam umgehend nach Deutschland und konnte dieses Werk vor der Vernichtung retten.
Seitdem pendelt sie zwischen Costa Rica und ihrem Elternhaus in Bremen Oberneuland. Sie begann, das Werk ihres Vaters zu erfassen und zu dokumentieren. In einer großen Ausstellung mit vielen Leihgaben in der Bremer Kulturkirche St. Stephani im Juni 2012 wurde es endlich wieder in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerückt. Ein Denkmal setzte Julia van Wilpe ihrem Vater mit der Dokumentation „Kurt Lettow - Bildhauer über die Grenzen Bremens hinaus“, hrsg. von der Kulturkirche St. Stephani Bremen, erschienen im Rasch Verlag, Bramsche.

Nun ist Julia van Wilpe damit beschäftigt, in ihrem Elternhaus in Bremen , besonders im Atelier ihres Vaters, „aufzuräumen“. Dort lagerten bislang auch die Negativformen der vierzehn Stationsbilder des Visbeker Kreuzweges. Diese wollte sie, so wie auch kein anderes Werk ihres Vaters, keinesfalls zu Schutt zerfallen sehen.
So führte die seit Mai 2012 zunächst durch den Austausch von E-Mails, später dann auch durch persönliche Begegnung wachsende persönliche Beziehung mit Frau van Wilpe zu einer Lösung für ihr Anliegen, das rasch aber auch unser Anliegen wurde.
In einer Mail vom 24. Juni 2015 schrieb sie uns: „Der Visbeker Kreuzweg, den mein Vater vor fast 70 Jahren geschaffen hat, hat es mir besonders angetan: Kunst, Natur und Glauben sind auf besonders gelungene und eindrucksvolle Weise miteinander verbunden und vermitteln uns Menschen dieser Zeit Hoffnung und Zuversicht.“ „Gerne würde ich die Negativformen des Kreuzwegs den Bürgerinnen und Bürgern Visbeks schenken, damit dieses bedeutende Werk erhalten und gepflegt werden kann. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie dabei weiterhin helfen könnten.“
Gespräche mit Bürgermeister Gerd Meyer und mit dem Vorsitzenden des Heimatvereins Visbek, Manfred Gelhaus, führten schnell zu dem Ergebnis, dass wir Visbeker dieses großherzige Angebot der Tochter Kurt Lettow`s dankbar annehmen sollten.
Am Dienstag, 28.07.2015, machten sich Manfred Gelhaus und Franz-Josef Debbeler vom Heimatverein, meine Frau und ich auf den Weg nach Bremen, um das großartige Geschenk mit einem Transporter der Firma Meyer & Grave nach Visbek zu holen. Nun befinden sich die Negativformen der Kreuzwegstationen in Visbek in der Obhut des Heimatvereins Visbek.
Danke, Julia van Wilpe!